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Der ausgespannt das Sternenzelt (2)

Immer wieder finden sich Bezüge zur Schöpfung und den Schöpfer in den Gebeten, den Psalmen und Gesängen des benediktinischen Chorgebetes. Mirjam Kämpf OSB (Benediktinerinnenabtei St. Hildegard) und Christoph Gerhard OSB haben sich zusammen getan, um diesen Schatz in den lateinschen und deutschen Hymnen zu heben. Der Text ist in der Benediktinischen Zeitschrift Erbe und Auftrag in den Heften 2/20 und 4/20 abgedruckt und wird hier abschnittsweise veröffentlicht.

 Link zu Erbe und Auftrag

II. MOTIVE aus der Schöpfung

1. Die reichhaltige Bildersprache der Hymnen

Folgende Motive aus der Schöpfung finden ihren Platz in den Hymnen des Chorgebetes:

- Schöpfung, Schöpfer
- Ordnung der Schöpfung
- Welt, Himmel und Erde
- Zeit, Zeiten und ihren Wechsel
- Finsternis und Licht
- Sonne, Mond und Sterne
- Morgenstern (Venus)
- Astronomische Bezugspunkte: Sternaufgang, Tor der Sonnenbahn, Himmelspol, Sternbild
- Erde, Wasser, Wolken, Luft, Menschen, Pflanzen, Tiere, Vögel, Fische...

Die Bilder aus der Schöpfung und dem Kosmos werden mit Zusätzen und theologischen Hintergründen angereichert oder dienen als Metaphern und werden damit in die geistliche Bedeutungswelt der Singenden eingeordnet. So wird Christus als die Sonne unseres Heils, oder als die Sonne der Gerechtigkeit besungen. Er ist die wahre Sonne, die nicht untergeht. Christus ist der helle Tag, der die dunkle Nacht durchbricht. Er ist das Licht schlechthin. Eine Sonderstellung nimmt der Morgenstern ein, der ausgehend von 2 Petr 2,19 und Offb 22,16 Symbol für Jesus Christus ist. Dabei ist mit dem „Morgenstern“ die aufgehende Sonne gemeint und nicht die Venus, die als heller Morgenstern in der frühen Dämmerung ebenfalls beobachtet werden kann.[i] Ein weiteres Bild entstand aufgrund eines Übersetzungsfehlers bei Hieronymus: in manchen Hymnen wird Maria als der „Meeresstern / Stern der Meere“ besungen.[ii]

Darüber hinaus ist auffällig, dass es während des Jahreslaufes Zeiten gibt, die mit Bildern aus der Schöpfung reicher bedacht sind. So kommen in den Hymnen der Advent- und Weihnachtszeit ungemein viele Anklänge an den Kosmos und an die Schöpfung vor.[iii] Ein plausibler Hintergrund dafür ist, dass es in dieser Zeit des Jahreskreises die Menschwerdung Gottes im Mittelpunkt steht. Gott selbst kommt in seinem Sohn Jesus Christus in seine Schöpfung und wird ein Mensch.

Das mag auch die Verbindung der Häufung von Themen der Schöpfung bei den Marienfesten sein. In Maria wird das Wort Fleisch, geht in seine Schöpfung ein als Säugling, der ganz auf seine Mutter angewiesen ist.[iv] Und Maria selbst wird zum Urbild der neuen Schöpfung, die mit Leib und Seele bei Gott in ihrer Aufnahme in den Himmel angekommen. Sie ist das Vorbild der Auferstehung. Bei den Ideen- und Heiligenfesten wird hingegen weniger von der Schöpfung gesungen, da meist ein eigenes Thema in den Mittelpunkt rückt.

 

2. Rhythmisierung der Woche

Die Hymnen der Wochentage haben im Benediktinischen Antiphonale ihren eigenen Rhythmus. Die Verfasser legten die Auswahl der Hymnen in der Vesper nicht willkürlich oder zufällig fest. In der ersten Woche liegt der Schwerpunkt auf der Schöpfung und der Schöpfungsgeschichte. Dabei ist Schöpfung kein vergangenes Ereignis vor Urzeiten, sondern geschieht noch heute in der Gegenwart. Vom äußeren Bezug der Schöpfung gehen die Hymnen, die Papst Gregor den Großen als Autor zugeschrieben werden, zum inneren Geschehen des Singenden über.[v] Die Hymnen der Woche erzählen an den einzelnen Tagen die Schöpfungsgeschichte mit ihren sieben Tagen nach. Einzelne Aspekte werden daraus aufgenommen und im zweiten Teil des Gesanges mit Bildern des Alltags und dessen Erlösung durch Gott verknüpft.

In der zweiten Woche der Vesper rückt im Benediktinischen Antiphonale stärker das Licht und seine lebensspendende Symbolik in den Mittelpunkt. Die Hymnen gehen vom göttlichen Licht aus, das mit Erfahrungen der Finsternis und Dunkelheit im Leben des Menschen kontrastiert. Daher sind sie ebenfalls mit der Bitte um Heilung und Erlösung verknüpft, dass das nicht erlöschende Licht Gottes die Betenden erhellt und sie durch die anbrechende Nacht führen wird.

 

3. Rhythmisierung des Tages

Die Hymnen der Gebetszeiten haben nach der Tageszeit ihre eigene Akzentuierung. Die Lobgesänge der Vigil und Laudes besingen das rettende Dasein Gottes in der Nacht und das Herausgehen durch Gottes Hilfe und Führung aus der Dunkelheit ans Licht des Tages. Gott ist das Licht, das mit seiner Kraft im Laufe des Tages das Gute tun lässt und das Böse vom Menschen abhält.

Es finden sich in den Morgenhymnen zahlreiche Anklänge an die Schöpfung. Im modernen Hymnus der Vigil an den Wochentagen „Wort Gottes, dessen Macht und Ruf“[vi] wird an den Urbeginn der Schöpfung durch Gott erinnert. Damit ergibt sich die unumstößliche Gewissheit, dass Gott am Anfang und am Ende seiner Schöpfung steht und sie allezeit in seiner Obhut hält. Es ist die Weisheit Gottes, die sich ein Haus gebaut hat in der sichtbaren Schöpfung, darin wohnt und sie am Leben erhält.

Der Übergang der Nacht zum Tag ist das Grundsymbol schlechthin für den Weg Gottes, den er uns Menschen führen will. Er will, dass seine Schöpfung vollständig bei ihm im Licht ankommt. Damit wird der anbrechende Tag, die Morgenröte zum Bild für den göttlichen Tag, der im Reich Gottes schon angebrochen ist. Deshalb steht das Bild des Morgensterns oder der aufgehenden Sonne, für Christus.[vii] Er lässt die Dunkelheit verblassen und drängt die dunklen und chaotischen Kräfte der Nacht zurück. Diese sind nicht nur außerhalb des Menschen, sie wohnen auch in seinem Herzen, in dem nicht nur das göttliche Licht wohnt, sondern auch die dunkle Seite des irdischen Lebens.

Die Tagzeiten der Terz – Sext – Non werden in vielen Gemeinschaften in einer Gebetszeit am Mittag zusammengefasst. In den Hymnen der Mittagshore sind mehr philosophische Anklänge an die Zeit und der Schöpfung zu finden. Die zeitliche Verfasstheit des Menschen, die Ewigkeit Gottes und die konkrete Jetzt-Gegenwart sind miteinander verbunden. So besingen sie die Einheit von der Zeitlosigkeit und der Zeit mitten am Tag, bevor das Zeitgefühl der Vergänglichkeit allzu sehr Macht gewinnen kann.

Im Gegensatz dazu ruft im Hymnus der Komplet der Singende Gott als seinen Schöpfer an:

Bevor des Tages Licht vergeht,
dich, Herr und Schöpfer, rufen wir:
In deiner Treue, die nicht wankt,
sei Wächter auch in dieser Nacht.

Te lucis ante terminum
rerum creator poscimus
ut solita clementia
sis praesul ad   custodiam.

Er ist der treue Wächter der Nacht, der alle Bedrohungen der Nacht überwindet und die Menschen behütet an Seele und Leib.

 

4. Dasein Gottes für den Menschen

Das Licht ist gerade in den Laudeshymnen einer der wichtigen Metaphern für Gott schlechthin. Es wird als das göttliche „Du“ direkt angesprochen,[viii] das die Schöpfung ins Dasein rief und es erhält. Christus ist der helle Tag, er ist das Licht, das alles erleuchtet und den Menschen aus seiner Nacht erlösen kann und uns in den Tag führt. Er bringt uns durch seine Kraft aus der Finsternis des Todes in sein Licht und damit zum Leben.

Ein weiteres, sprechendes Bild für Christus ist deshalb die Sonne des Heils. Das physische Bild der Sonne, von der alles Leben auf der Erde abhängt, erinnert an den Ursprung der göttlichen Sonne,[ix] vor der alle Sterne und alles Leben in der Schöpfung ausgeht.[x]

Die Hymnen der Wochentage zeigen von ihrem Aufbau her immer eine verbindende Struktur von der großen Schöpfung mit dem kleinen Alltag des Menschen. Gleich nach dem Bezug zur großen Schöpfung und Gottes schöpferischem Tun, kommt im zweiten Schritt der Alltag mit seinen Sorgen und Nöten in den Blick. Dies ist nur verständlich zu singen, wenn über die Schöpfung Gottes und dem Alltag ein direkter Sinnzusammenhang gesehen wird: die Erschaffung der Welt war kein singuläres Ereignis am Anfang, sondern sie findet auch heute noch im Alltag statt. Es ist eine Vergewisserung des Singenden mit seiner konkreten Lebenssituation, dass er in der großen Schöpfungsgeschichte Gottes seinen Platz finden wird. Auch im Jetzt des Singens des Lobliedes ist Gott als der Erschaffende anwesend, er der das Leben liebt und ständig in die Neuheit des göttlichen Lebens ruft.

Exemplarisch verbindet der Hymnus in der Sonntagsvesper „Des Lichtes guter Schöpfer du“ – „Lucis Creator Optime“[xi] beide Aspekte der Schöpfung und des Lichtes.

Des Lichtes guter Schöpfer du,
der uns den Glanz des Tages zeugt,
der mit dem ersten Strahl des Lichts
der Welterschaffung Werk beginnt.

Lucis creator optime,
lucem dierum proferens,
primordiis lucis novae
mundi parans originem.

Die Schöpfungserzählung der Genesis wird in den ersten beiden Strophen aufgenommen. Gott der Schöpfer wird in der deutschen Fassung direkt mit „du“ und in der Gegenwart angesprochen. Damit bleibt der Hymnus nicht nur bei einer Erzählung über die Schöpfung stehen, sondern wird Bekenntnis und gesungenes Gebet. Mit der lebendigen Beziehung wird Schöpfung lebendige Gegenwart Gottes für den Singenden.

Nach dem äußeren Rahmen der Schöpfung und der Aufnahme der direkten Anrede folgt der Alltag mit seinen inneren Schwierigkeiten, die in eine Bitte an Gott münden. Zwar fehlt in der deutschen Übersetzung das „audi preces cum fletibus“, sie setzt aber direkt in der dritten Strophe mit der Bitte ein, die dem lateinischen Original entspricht.[xii] Bei Gott gibt es keine Trennung zwischen der großen Schöpfung und dem Alltag des Betenden, in dem und für den er nach Orientierung für sein eigenes Leben sucht. Das Bewusstwerden der eigenen Schuld kann einem den Blick auf das geschenkte Leben verstellen. Oder es gibt die umgekehrte Gefahr nur im Sichtbaren des Alltags hängen zu bleiben und nicht im großen Zusammenhang der Schöpfung zu leben. Beides dient nicht dem Leben, sondern verhindert das Geschenk der Schöpfung.

Deshalb pocht der Geist an das Tor des Himmels, um den lebendigen Lohn zu empfangen, der im Schauen des Antlitzes Gottes liegt, von dem seit dem Anbeginn alles Licht ausgeht und dessen Schau die Vollendung für jedes Geschöpf ist.

 

[i] Der Planet Venus findet in der Bildersprache der Liturgie als „Morgenstern“ Verwendung für Maria.

[ii] Alex Stock, Lateinische Hymnen, S. 120 f. „Maris stella“, „Meeresstern“, geht auf den Versuch Hieronymus zurück, den Namen Maria zu übersetzen. Daneben wird auch die „nautische Symbolik verfolgt, die Maria als Stern sieht, «der wegweisend und trostreich über den Wogen der Welt erstrahlt»“. Ebd. S. 121.

[iii] Eine kleine Auswahl aus dem Benediktinischen Antiphonale: „Hört, eine helle Stimme ruft“, „Vom hellen Tor der Sonnenbahn“, „Ein heller Ruf ertönt die Nacht“, „Die Weisen schauen auf zum Stern“, „Der Sterne Schöpfer milder Gott“, „Du Heiland aller Völker, komm“, „Christus, Erlöser aller Welt“, „Ihr alle, die ihr Christus sucht“

[iv] In der dritten Strophe des Hymnus „Vom hellen Tor der Sonnenbahn“ heißt es: “Er scheut es nicht auf Stroh zu ruhn, die harte Krippe schreckt ihn nicht, ein wenig Milch ernährt den Herrn, der keinen Vogel hungern läßt.“

[v] Fr. Gregor Baumhof, Una Sancta 2015, S. 293.

[vi] Autor ist P. Vinzenz Stebler OSB (+ 1997), Mariastein. Der Hymnus kann auch zu anderen Zeiten gesungen werden. Vgl. Silja Walter, Ich habe meine Insel gefunden: Geheimnis im Alltag; Tagebuch, S. 152 zur Vesper.

[vii] So im Morgenhymnus „O ew´ger Schöpfer aller Welt“ – „Aeterne rerum conditor“.

[viii] Ebd. In der letzten Strophe: „Du Licht, durchdringe Sinn und Geist“ – „Tu lux refulge sensibus“ aber auch in anderen Hymnen: „Du Licht des Himmels, großer Gott“ oder: „Du Abglanz von des Vaters Pracht, … du Licht vom Licht, des Lichtes Quell…“

[ix] BA III, Sonntag, Vesper, Woche I, in der zweiten Strophe des Hymnus „Du Abglanz von des Vaters Pracht“: „Du wahre Sonne, brich herein, du Sonne, die nicht untergeht…“

[x] Franz Joseph Dölger sieht in der Aufnahme der Sonnen- und Lichtsymbolik aus den antiken Religionen im frühen Christentum auch eine Auseinandersetzung mit dem römischen Sonnenkult, den das Christentum ab dem vierten Jahrhundert ablöste. Vgl. Sol Salutis, S. 380ff.

[xi] Der Hymnus stammt von Gregor dem Großen, 7. Jhd.

[xii] Vgl. Fr. Gregor Baumhof, Una Sancta 2015, S. 296.

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