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Der ausgespannt das Sternenzelt (5)

Immer wieder finden sich Bezüge zur Schöpfung und den Schöpfer in den Gebeten, den Psalmen und Gesängen des benediktinischen Chorgebetes. Mirjam Kämpf OSB (Benediktinerinnenabtei St. Hildegard) und Christoph Gerhard OSB haben sich zusammen getan, um diesen Schatz in den lateinschen und deutschen Hymnen zu heben. Der Text ist in der Benediktinischen Zeitschrift Erbe und Auftrag in den Heften 2/20 und 4/20 abgedruckt und wird hier abschnittsweise veröffentlicht.

VI. Aussagen über den Menschen

Der Mensch ist, wie oben schon dargestellt, Teil der Schöpfung und in die Schöpfungsordnung eingebunden; er lebt in ihr. Der Mensch erlebt die Schöpfung als von Nacht und Finsternis, die eigene Existenz als von Schuld bedroht. Im Hymnus wendet er sich an Christus mit der Bitte um Gnade, Schutz, Beistand und Leitung.[i] Die Hymnen richten ihn auch auf Christus aus, wozu er sich auf die Hilfe Gottes angewiesen weiß.[ii] Hier stellen die Hymnen die gefährdete menschliche Existenz und das vertrauende Wissen um die Erlösungstat Christi mit der oben genannten Licht-Dunkel-Symbolik poetisch dar.

Nox et tenebrae et nubila
confusa mundi et turbida
lux intrat, albescit polus :
Christus venit discedite.

 Caligo terrae scinditur
percussa solis spiculo
rebusque iam color redit
vultu nitentis sideris.

 Sic nostra mox obscuritas
fraudisque pectus conscium
ruptis retectum nubibus
regnante pallescet Deo.

[…]

Intende nostris sensibus
vitamque totam dispice:
sunt multa fucis illita
quae luce purgentur tua.

 

Nacht, Finsternis, dunkles Gewölk,
Wirrwarr und Trubel dieser Welt –
das Licht dring ein, so weicht nun fort,
hell wird der Himmel: Christus kommt.

 Der Erde Dunkel nun zerreißt,
durchstoßen von der Sonne Speer;
die Farben leuchten wieder auf
im Glanz des strahlenden Gestirns.

 So mög auch unsre Dunkelheit
und unser schuld-bewußtes Herz
sich öffnen, da die Wolken fliehn,
licht werden, da Gott Herrscher ist.

[…]

In unser Denken dringe ein,
durchschaue unser Leben ganz,
so vieles ist nur falscher Schein,
in deinem Lichte wird‘ es rein
.“[iii]

Gefährdet und bedroht von Finsternis und Schuld wendet sich der singende Beter stets vertrauensvoll an Gott. So wie die Dunkelheit in der Schöpfung von der Sonne vertrieben wird, so wird die Dunkelheit der Schuld aus Herz und Geist des Beters vertrieben. Die Bitte um Licht im Herzen des Menschen und Lösung von Schuld und Sünde folgt im Hymnus oft auf die Beschreibung der äußeren Schöpfungsordnung und wiederholt die Licht-Dunkel-Symbolik auf Ebene des menschlichen Geistes und Herzens.[iv] Zwar werden Schuld, Hochmut, Stolz, Unbesonnenheit und andere Gefahren oder Laster genannt, doch steht die zuversichtlich-vertrauende Hoffnung, geradezu das Wissen um Gottes Schutz und Beistand im Vordergrund. Dabei richtet sich der singende Beter mit der Bitte an Gott, sein Herz rein zu machen (vgl. Anm xxii), sein Sinnen auf Ihn zu richten,[v] oder er ruft das eigene Herz dazu auf (vgl Anm. xx).

Mit den Motiven der Leidenschaften und der Reinheit des Herzens wird der geistliche Kampf angesprochen, und das Ziel des reinen Herzens: das kontemplative Gebet, das letztlich die personale Begegnung mit Christus bedeutet. So ist die Reinheit des Herzens ein zentraler Begriff bei Johannes Cassian; sie erfordert die Loslösung von den Lastern und bereitet das Herz, den Menschen, auf die Begegnung mit Gott vor.[vi] Die Hymnen können nicht inhaltlich systematisch in die Lehren der Väter eingeordnet werden. Dennoch können die zentralen Themen des geistlichen Weges wie sie in der monastischen und Väterliteratur allgegenwärtig sind, hier erkannt werden.

 

[i]Quas dies culpas hodierna texit, Christus deleto pius atque mitis, pectus et puro rutilet nitore, tempore noctis. / Die Schuld, die der heutige Tag überdeckt’, mögst, Christus, du tilgen gütig und mild, das Herz aber glühe in reinem Glanz zur Zeit der Nacht.“ Luminis fons, Alkuin; „Mentis perustae vulnera, munda virore gratiae, ut facta fletu diluat, motusque pravos atterat / Die Wunden im versehrten Herz‘, mach‘ heil die Lebenskraft der Gnad‘; die Träne löscht das Böse aus, vernichtet, was uns irreführt.“ Telluris ingens conditor, (wie Fn ii) dritte Strophe.

[ii]Sed firma mente sobrii, casto manentes corpore, totum fideli spiritu, Christo ducamus hunc diem / Doch nüchtern-standhaft sei das Herz, und zuchtvoll bleibe stets der Leib; so wollen gläubgen Geistes wir, für Christus leben diesen Tag.“ Aeterne lucis conditor, 5.-6. Jh (wie Fn xii).

[iii] Nox et tenebrae, Prudentius, Psalterium Mittwoch Laudes Woche I. Im BA I, Nacht und Gewölk und Finsternis, Mittwoch, Laudes.

[iv] So auch die vierte Strophe im oben schon zitierten Hymnus Caeli Deus sanctissime: „Illumina cor hominum, absterge sordes mentium, resolve culpae vinculum, everte moles criminum / Die Herzen der Menschen mache hell, und wasche ab, was die Seelen befleckt, die Fesseln der Sünde löse du, und wälze hinweg die Lasten der Schuld.“ vgl. oben Fn. viii.

[v] „Amoris sensus erige ad te largitor veniae, ut fias clemens cordibus, purgatis inde sordibus / Das Sinnen unsrer Liebe richte auf dich, Gott, der Verzeihung schenkt, daß du in Güte unsern Herzen die Reinigung von Schuld gewährst.“, Amoris sensus, 10. Jh.

[vi] Zu der Reinheit des Herzens vgl. beispielhaft Cassian, Collatio 1, Collatio 9 in: Johannes Cassian, Unterredungen mit den Vätern – Collationes Patrum, Teil 1: Collationes 1-10, übersetzt und erläutert von Gabriele Ziegler (Quellen der Spiritualität Band 5), Münsterschwarzach 2018; vgl auch Heinrich Holze, Erfahrung und Theologie im frühen Mönchtum. Untersuchungen zu einer Theologie des monastischen Lebens bei den ägyptischen Mönchsvätern, Johannes Cassian und Benedikt von Nursia (Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte 48), Göttingen 1992 und Gerd Summa, Geistliche Unterscheidung bei Johannes Cassian (Studien zur systematischen und spirituellen Theologie 7), Würzburg 1992.

 

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