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DER AUSGESPANNT DAS STERNENZELT (4)

Immer wieder finden sich Bezüge zur Schöpfung und den Schöpfer in den Gebeten, den Psalmen und Gesängen des benediktinischen Chorgebetes. Mirjam Kämpf OSB (Benediktinerinnenabtei St. Hildegard) und Christoph Gerhard OSB haben sich zusammen getan, um diesen Schatz in den lateinschen und deutschen Hymnen zu heben. Der Text ist in der Benediktinischen Zeitschrift Erbe und Auftrag in den Heften 2/20 und 4/20 abgedruckt und wird hier abschnittsweise veröffentlicht.

Link zu Erbe & Auftrag

IV. Aussagen über die Schöpfung / Kosmos / Welt

Immense caeli conditor
qui mixta ne confunderas
aquae fluénta dividens,
caelum dedisti limitem

 Firmans locum caelestibus
simulque terrae rivulis
ut unda flammas temperet
terrae solum ne dissipet.

 Himmelsschöpfer, Unendlicher ! –
Daß sich nicht Flut vermisch’ mit Flut
teilst du die Wasserfluten ein,
den Himmel läßt du Grenze sein.

Im Himmel wie auf Erden gibst
du den Gewässern ihren Ort;
damit das Wasser Flammen lösch‘
und nicht der Erde Boden birst.

In den Hymnen des Jahreskreises wird von der „Welt“ und „Erde“ als Teil der Schöpfung, in positiver Konnotation gesungen. Welt schließt dabei Himmel, Erde und alles Physische in sich ein. Gott wird als „Himmelsschöpfer“ („Immense caeli conditor[i]), „Weltenschöpfer“ („Telluris ingens conditor[ii]) und „Bildner des Menschen“ („Plasmator hominis[iii]) angerufen. Er hat die Welt geschaffen und der Schöpfung eine Ordnung gegeben, die Dauer schafft, gut ist, maßvoll[iv] und sie zum Lebensraum macht. Die Welt in ihrem physischen Bestand ist geordnet. Erde, Himmel und Gewässer haben einen Ort (siehe zitierten Hymnus), das All mit seinen Gestirnen ist geordnet mit Ort, Abfolge, Hierarchie, ebenso die Tiere und die Zeiten. Zur Schöpfungsordnung gehört der Wechsel von Tag und Nacht, dem der Lebens- und Arbeitsrhythmus der Menschen folgt.[v] Anklänge an das Chaos[vi] assoziieren die Bedrohung dieses Lebensraumes, der durch die Macht Gottes aber in seiner guten Ordnung bleibt. Diese Macht wird als „väterlich“ erfahren: „Deus, […] qui polum / patérno fultum bráchio / praeclara pandis déxtera / spannst aus den Himmel mit der Rechten, stützt ihn mit väterlichem Arm.[vii]

Die von Gott geschaffene Erde bringt Wachstum und Nahrung für die Menschen hervor:

Ut germen aptum proferens,
fulvis decora floribus,
fecunda fructu sisteret,
pastumque gratum redderet.

daß sie hervorbring frisches Grün,
die Schönheit gold’ner Blumenpracht,
und reich an Früchten stehe da,
willkomm’ne Nahrung bieten kann.
[viii]

Die Schöpfung in dieser Beschaffenheit ist also Lebensraum für die Menschen, aber das umfasst nicht nur die Grundbedürfnisse Sicherheit und Nahrung, sondern auch Kultur und Religion. Die Gestirne sind in den Hymnen als Orientierung für den Menschen Teil der Schöpfung; der Gang der Sonne, der Wechsel von Licht und Dunkelheit rhythmisieren die Tage und Zeiten des Menschen. Die Zeiten im Arbeitsjahr und die Zeiten im Festkalender kann der Mensch im Kosmos erkennen. Die Fähigkeit und Möglichkeit des Menschen, seine kultische Beziehung zu seinem Schöpfer zu gestalten, ist inhärenter Teil der von Ihm geschaffenen Ordnung. Dem Beter des Hymnus ist es überdies gegeben, die ästhetische Dimension der Schöpfung zu erkennen, die ihn übersteigende und überwältigende Schönheit des Kosmos:

„Caeli Deus sanctissime,
qui lucidum centrum poli
candore pingis igneo
augens decor lumina.

Gott, heiliger Herr des Himmels du!
Die leuchtende Mitte des Firmaments
hast du mit feurigem Glanz bemalt,
fügst der Schönheit des Alls die Lichter zu.“[ix]

Der Beter der Hymnen sieht hinter der Schöpfung den Schöpfer und für sein überwältigtes Staunen über diese Schönheit und Weisheit bilden die poetische Sprache und die Melodie des gesungenen Hymnus den Kontext, in dem er sich an Gott wenden kann. Seine eigenen geschöpflichen Fähigkeiten gehen dabei in direkter Umsetzung in den durch das betende Singen des Hymnus geschaffenen Beziehungsraum zu Gott ein.

 

V. Aussagen über die Zeit

Ipsum nunc nobis tempus est
quo evangelica
venturus sponsus creditur,
regni caelestis conditor.

 Occurunt sanctae virgines
obviam tunc adventui
gestantes claras lampadas
magno laetantes gaudio.

 Nun bricht für uns die Stunde an,
da nach des Evangeliums Wort
wir glauben, daß der Bräut’gam kommt,
der Gottes Reich gegründet hat.

 Die klugen Jungfrauen brechen auf,
gehen Ihm, dem Kommenden, entgegen;
leuchtende Lampen in der Hand,
in Freude unsagbar und groß.

Viele Hymnen thematisieren die Tageszeit[x], zu der sie gesungen werden. So die Zeit, zu der der Bräutigam kommt, wie gerade zitiert. Oder die „Zeit der Mitternacht“ („Mediae noctis tempus est [xi])

Auch wird der Wochentag hervorgehoben, an dem ein Hymnus gesungen wird, so in einem Vigilhymnus vom Sonntag:
Dies aetasque ceteris octava splendet sanctior / Der achte Tag als heil’ge Zeit strahlt heiliger als andre auf[xii]

Einige Laudeshymnen sprechen Christus als „Tag“ an:
„Aeterne lucis conditor, lux ipse totus et dies […] / O ewger Schöpfer allen Lichts, du bist der Tag und selbst ganz Licht […]“[xiii]

Die Vesperhymnen thematisieren die Abendstunde mit ihrem schwindenden Licht, oder die Einheit von Morgen und Abend:
Te mane laudum carmine, te deprecemur vespere… / Dir klingt am Morgen unser Lob, dich bitten auch am Abend wir…“[xiv]

Das Chorgebet wird zu bestimmten, festgelegten Zeiten des Tages gesungen und rhythmisiert den Tag. Das Geschehen zu diesen Momenten wird von den Hymnen aufgegriffen und dabei der Moment des Tages aktiv in seinen Bezug zur Schöpfung gestellt. Gott ist der Schöpfer der Welt, er hat die Schöpfungsordnung geschaffen und Er ist auch Urheber und Herr der Zeit:

Satorque princepsque temporum
clarum diem laboribus
noctemque qui soporibus
fixo dinstinguis ordine.“

Du Urheber und Herr der Zeit!
In fester Ordnung zeichnest du
den hellen Tag durch Arbeit aus
die Nacht jedoch durch Schlaf und Ruh.[xv]

Die Zeit (tempus) ist zum einen als Abfolge von Tag und Nacht Teil der Schöpfungsordnung Gottes, in die der Mensch verwiesen ist. Die Zeit ist aber überdies durch heilsgeschichtliche Ereignisse geprägt. Der Sonntag als der achte Tag hat seine Bedeutung durch die an ihm geschehene Auferstehung Christi. Die Mitternacht ist der Zeitpunkt, zu dem der Engel in Ägypten die Erstgeborenen tötete, und an Israels Erstgeborenen vorbeiging, Stunde von Tod oder Heil,[xvi] Stunde der Unterscheidung. Die Morgenstunde mit dem Hahnenschrei ist der Zeitpunkt, an dem Petrus seine Schuld erkannte. Von der Schöpfung über den Zeitenlauf zur Morgenstunde und dem Menschen führt Ambrosius:

„[…] hoc, ipse Petra Ecclesiae,
canente culpam diluit“ […]

 „Iesu, labantes respice,
et nos videndo corrige;
si respicis, lapsus cadunt
fletuque culpa solvitur.

 […] sein Ruf läßt auch der Kirche Fels
die Schuld beweinen bitterlich.“ […]

 Jesus, uns Schwankende schau an,
dein Blick weis‘ uns zurecht voll Huld,
schaust du, kommt unser Fall zu Fall,
und Tränen löschen unsre Schuld.“[xvii]

Die Stunden des Tages sind nicht nur durch die Schöpfungsordnung mit schwindendem und wiederkehrendem Licht, sondern auch durch heilsgeschichtlich relevante Ereignisse sowie biblische Gleichnisse bestimmt. So ist die Abendstunde auch die, zu der den Arbeitern im Weinberg der verheißene Lohn gegeben wird:

Labor diurnus transiit
quo, Christe, nos conduxeras;
da iam colonis vineae
promissa dona gloria.

Das Tagewerk, zu dem du Christus,
gedungen uns, ist jetzt getan.
Gib nun den Arbeitern im Weinberg
den herrlichen, verheißnen Lohn
.“[xviii]

Nicht zuletzt ist die Zeit die zukunftsgerichtete Zeit der Erwartung der Wiederkunft Christi. Tempus ist also auch die Zeit der bereiten Erwartung, in der der Beter des Hymnus wie die klugen Jungfrauen auf die Ankunft Christi vorbereitet ist. Der oben zitierte Hymnus geht aus von dem gegenwärtigen Augenblick des Singens (nunc / nun) und erläutert bildhaft seine Bedeutung als Zeit des Tages: es ist die Stunde, da der Bräutigam kommt. Darauf wird das biblische Gleichnis angesprochen, dessen Kenntnis vorausgesetzt werden kann. Die beiden Schicksale der klugen und der törichten Jungfrau im Gleichnis werden geschildert. Die letzten beiden Strophen beziehen den singenden Beter in das Geschehen ein.

Mit den Motivzitaten der biblischen Gleichnisse und Erzählungen in den Hymnen geschieht zweierlei: zum einen werden die Tagzeiten heilsgeschichtlich markiert, zum anderen wird dem Beter eine Rolle angeboten, über die er sich selbst in das heilsgeschichtliche Geschehen einfinden kann.

 

[i] Immense caeli conditor, Gregor der Große?, im Psalterium der Abtei St Hildegard (Psalterium) Montag Vesper, Woche I. Im BA III: Des Himmels Schöpfer, großer Gott“, Montag Vesper, Woche I.

[ii] Telluris ingens conditor, Gregor der Große?, Psalterium Dienstag Vesper Woche I; BA III: Hymnus „Der Erde Schöpfer und ihr Herr“, Dienstag, Vesper, Woche I.

[iii] Plasmator hominis, Gregor der Große?, Psalterium Freitag Vesper Woche I.

[iv]Rector potens, verax Deus, qui temperas rerum vices […] / „Du lenkst mit Macht, wahrhaft‘ger Gott, der Dinge Wechsel so mit Maß, […]“, Rector potens, Ambrosius?, Psalterium Hymnus der Sext.

[v]Per quem creator omnium, diem noctémque condidit, aeterna lege sanciens, ut semper succedant sibi / Durch ihn hat, der das All erschuf, den Tag und auch die Nacht gemacht, nach ewigem Gesetz bestimmt, daß sie einander folgen stets.” Diei luce reddita, 7.-8. Jh, Psalterium Samstag Laudes, Woche II.

[vi] „… taetrum chaos illabitur; audi preces cum fletibus / bricht dunkles Chaos dann herein, flehn wir mit Tränen: hör uns an!“ Lucis creator optime, Gregor der Große?; Psalterium Sonntag Vesper, Woche I; vgl. auch Teil 1 zu den Komplethymnen.

[vii] Deus qui caeli, 5.-6. Jh, Psalterium Freitag Vigil, Woche II.

[viii] Telluris ingens conditor, Gregor der Große?, zweite Strophe (wie Fn ii).

[ix] Caeli Deus sanctissime, Gregor der Große?, Psalterium Mittwoch Vesper Woche I; Du Gott des Himmels, heil’ger Herr, BA III, Mittwoch, Vesper, Woche I.

[x] Ipsum nunc nobis, 5. Jh., Psalterium Vigil vom Montag.

[xi] Mediae noctis, 5. Jh., Psalterium Vigil vom Sonntag.

[xii] Aron (?), 12. Jh; ebenso: „Salve dies, dierum gloria, dies felix, Christi victoria, dies digna iugi laetita, dies prima / Sei gegrüßt, Tag, herrlichster der Tage, seliger Tag du durch Christi Triumph, du Tag, dem immerfort Freude gebührt, du erster Tag.“, Adam von St. Victor? , +1192

[xiii] Aeterne lucis conditor, 5.-6. Jh, Psalterium Dienstag Laudes Woche II; oder: „[…] lux lucis et fons luminis, diem dies illuminans. / […] du Licht vom Licht, Quell allen Lichts, Tag, der den Tag erleuchtet.“ Splendor paternae gloria, Ambrosius; ebenso im Hymnus Lucis largitor splendide in der zweiten und dritten Strophe: „Tu verus mundi lucifer […] lux ipse totus et dies / Du wahrer Morgenstern der Welt! […] bist selbst das Licht, der helle Tag“, Psalterium Montag Laudes.

[xiv] O lux beata Trinitas, 7.-8. Jh., Psalterium Sonntag Vesper Woche II. O sel’ges Licht, Dreifaltigkeit, BA III, Sonntag, Vesper, Woche II.

[xv] Sator princepsque temporum, 7.-8. Jh., Psalterium Dienstag Vesper Woche II.

[xvi] Vgl. Mediae noctis, 5. Jh (wie Fn. x)

[xvii] Aeterne rerum conditor, Ambrosius, +397, Psalterium Sonntag Laudes Woche I.

[xviii] Horis peractis, Psalterium Freitag Vesper Woche II.

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