In den Sternen zu Hause

Ein Astronaut, ein Benediktiner und eine Muslimin sprechen über Weltall und Jenseits - Ein Beitrag von Anja Legge zur Veranstaltung „Ein Tag ohne Himmel“ am Katholikentag 2026 in Würzburg.
Wann kann man schon mal mit einem echten Astronauten ins Gespräch kommen? Der Katholikentag hat genau das rund 50 Besucherinnnen und Besuchern ermöglicht. Unter dem Titel „Ein Tag ohne Himmel“ diskutierten Astronaut Gerhard Thiele, der Astronom der Abtei Münsterschwarzach Pater Christoph Gerhard OSB und Iman Andrea Reimann aus Berlin über die Bedeutung des Weltalls und des Jenseits.
Thiele war im Februar 2000 für elf Tage mit der Raumfähre Endeavour im Weltall. Für ihn ist das Weltall „ein riesengroßes Geheimnis, in dem es unendlich viel zu erforschen gibt“. Engel oder Gott habe er dort oben nicht gesehen. Doch die Schlussfolgerung Gagarins, dass es Gott deshalb nicht gibt, sei dennoch „ein Fehlschluss, der zeigt, wie gut er dressiert wurde“. Er selbst sei völlig überwältigt gewesen vom Schwarz. Das Ins- Schwarze-fahren sei für ihn eine ganz besondere Erfahrung gewesen, bei der er keineswegs Angst empfunden habe, sondern ein tiefes Gefühl von Heimat. Zwischen Wissenschaft und Glaube habe es für ihn nie eine Trennlinie gegeben, so Thiele weiter. Wenn man etwa eine Kirsche erforsche, könne man sehr wohl Farbe, Form und Chemie beschreiben, nicht aber den Wesenskern, der im Kirschkern liegt, aus der ein neuer Baum wachsen kann. Naturwissenschaft ist für den 72-jährigen Physiker „spannend und ganz einfach, weil ich eine Hypothese durch ein Experiment bestätigen oder negieren kann. Aber Werte – also wie wir zusammenleben wollen, können wir nicht messen!“ Die Welt sei „viel komplexer als wir uns das vorstellen können“ und deshalb komme „um den Glauben niemand herum – auch wenn er glaubt nicht zu glauben“.

Pascal Bartelheimer, P. Christoph,Gerhard Thiele, Andrea Reimann und Teilnehmende (© Anja Legge, alle Bilder von der Veranstaltung)
Der Islam, so Iman Andrea Reimann, unterscheide zwischen Jenseits und Himmel. Während Samaa den physischen Himmel beschreibe, meine Dschanna (wörtl. Garten) den spirituellen Himmel, die Schöpferkraft Gottes. Die Vorstellung der sieben Himmel verdeutliche: „Es gibt so viel, was wir nicht sehen können.“ Mond und Sonne seien dabei „wichtige Akteure für die Gestaltung des religiösen Lebens“: Der Mond fungiert als Kalender, der Zeiten für Fasten, Pilgerfahrt und religiöse Abgaben anzeigt, der Stand der Sonne regelt die Gebetszeiten des gläubigen Moslems. Im Islam habe es nie eine Trennung zwischen Glaube und Wissenschaft gegeben. Zugleich ermahne der Koran, an die Zeit nach dem Jetzt und das Jenseits zu denken und jeden Tag so gestalten, dass wir und Gott zufrieden damit sind. „Wenn sich die Physik verändert, bricht der Jüngste Tag an“, so Reimann. Der Koran kenne die Vorstellung, dass das Universum sich weite und schrumpfe; am Ende der Zeiten werde „der Himmel zusammengerollt“ heißt es. „Wenn wir also einen Tag ohne Himmel erleben, ist es vorbei!“
Pater Christoph Gerhard OSB steht in der alten Tradition klösterlicher Astronomen. Er selbst schaut seit 1973 in die Sterne, als der Komet Kohoutek den Nachthimmel erleuchtete. Der Jahrhundertkomet Hale-Bopp sorgte dafür, dass es seit 1996 eine Sternwarte auf dem Klostergelände gibt. Neben dem naturwissenschaftlichen Interesse ist die Sternenbeobachtung für den Benediktiner zutiefst spirituell. Unter dem Sternenhimmel zu sein bedeute für ihn „eine direkte Verbindung zum Schöpfer“. Deshalb sei sein Lieblingsort „vor der Sternwarte, wo ich allein bin und einfach nur schaue und staune“. Denn am Anfang von Glaube und Forschung steht für ihn das Staunen. Wie Moses sich dem brennenden Dornbusch staunend näherte, fragen Menschen bis heute, wie die Welt funktioniert. Seine Erkenntnisse könne der Mensch aber „nur in Bildern rüberbringen“. Für die Naturwissenschaft gebe es „die wunderbare Sprache der Mathematik, die aber auch irgendwann an ihre Grenzen stößt“, in Glaubensdingen sei es die Sprache der Beziehung: „Auch die Schöpfungsgeschichte ist vor allem eine Beziehungsgeschichte zwischen Gott und der Schöpfung“, so Pater Christoph. Als Naturwissenschaftler helfe es ihm nicht, wenn er glaube. Zugleich gebe es Bereiche, in denen die Naturwissenschaft nichts zu suchen hat. „Menschliche Beziehungen zu Gott und den Mitmenschen, Liebe, Friede, Zusammenhalt lassen sich eben nicht berechnen.“ Am Ende „gehören beide Welten zusammen und befruchten einander. Diese tiefere Verbindung zu erfassen, ist mehr als Lebensprogramm.“
Anja Legge


