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Der ausgespannt das Sternenzelt (6)

Immer wieder finden sich Bezüge zur Schöpfung und ihren Schöpfer in den Gebeten, den Psalmen und Gesängen des benediktinischen Chorgebetes. Mirjam Kämpf OSB (Benediktinerinnenabtei St. Hildegard) und Christoph Gerhard OSB haben sich zusammen getan, um diesen Schatz in den lateinschen und deutschen Hymnen zu heben. Der Text ist in der Zeitschrift Erbe und Auftrag in den Heften 2/20 und 4/20 erschienen.

VII. Ergebnisse

Pierre Hadot hat in seinem Werk „Philosophie als Lebensform“ u.a. die These vertreten, dass das christliche Mönchtum die antike Philosophie, die nicht eine abstrakte Theorie sondern eine Lebensweise gewesen sei, weiterführte.[i] Die Philosophie sei eine Weise, die Welt zu betrachten, ein Lebensstil, der sich auf die ganze Existenz auswirkt. Die antiken Philosophenschulen sehen in den Leidenschaften, den Begierden und Ängsten von Menschen, die Ursache, die sie daran hindert, wirklich zu leben. Die Philosophie ist folglich eine Therapie der Leidenschaften und verbindet diese mit einer tiefgreifende Umwandlung der Denk- und Seinsweise des Individuums. Mittels geistiger Übungen heilt und formt der Philosoph seine Seele.[ii]

Eine grundlegende Haltung ist dabei die Wachsamkeit, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick. Diese Wachsamkeit erlaubt es, jederzeit auf Ereignisse zu reagieren. Zu diesem Zweck hat der Philosoph bestimmte Grundprinzipien griffbereit. Dabei handelt es sich um Lebensregeln, die er sich aneignet, indem er sie in Gedanken auf die verschiedensten Lebensumstände bezieht. Er stellt sich ein Leiden vor, erinnert sich daran, dass es kein Übel ist, weil es nicht von ihm abhängt und prägt dem Gedächtnis die schlagendsten Maximen ein, die ihm im gegebenen Augenblick helfen, das Ereignis anzunehmen. Diese Übungen beziehen dabei Phantasie und Gefühle, alle psychagogischen Mittel der Rhetorik ein. Solche Meditationsübung, die potentielle Schwierigkeiten des Lebens in der Vorstellung vorwegnimmt um die angestrebte seelische Reaktion einzuüben, ermöglicht es dem Stoiker, in dem Augenblick bereit zu sein, in dem eine unerwartete Situation eintritt. Indem der Philosoph übt, gemäß seiner Lebensregel auf alle Ereignisse, die ihm widerfahren können, zu reagieren, gewinnt er Freiheit.[iii]

Elemente der antiken Philosophie finden sich im Mönchtum wieder, das gemäß seiner Lebensweise als Philosophie bezeichnet wird. Die Wachsamkeit, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick ist auch die Grundhaltung des Mönches. Sie stellt ihn in sein wahres Sein, in sein Verhältnis zu Gott zurück, kommt einer Übung der Gegenwart Gottes gleich.[iv]

Auch die Mönche stellen fest, dass sie von ihren Leidenschaften bedrängt werden und sich mit ihnen auseinandersetzen müssen. Die Bewältigung der Leidenschaften, die Aufmerksamkeit auf sich selbst und die Erinnerung an Gott und seine Gebote erfordern, wie im Stoizismus, die Meditation der Lebensregel, um sie griffbereit zu haben. Der Mönch weiß, im Unterschied zu der griechischen Philosophie, dass er sein Ziel, stets in der Gegenwart Gottes zu leben, nicht aus eigener Kraft schaffen kann, sondern auf die Gnade Gottes angewiesen ist. Dennoch ist seine Anstrengung vonnöten. Dem dient das Memorieren der Psalmen und der Evangelien, der Heiligen Schrift, oder auch der Apophthegmata der Väter. [v]

So berichtet die Vita Antonii, wie der heilige Antonius beständig Psalmen rezitiert und mit diesen Schriftworten Anfeindungen bekämpft, denen er ausgesetzt ist. Er besiegt die ihn angreifenden Dämonen, indem er sich auf Gott ausrichtet, wobei er die Schriftworte als Lebensregeln verwendet.[vi]

Es ist eine bekannte und vielfach anzutreffende Methode der Wüstenmönche, dem, was sie bedrängt, Schriftworte entgegenzusetzen und zu diesem Zweck ein Wort der Schrift immer und immer wieder zu wiederholen, bis es sie von innen her prägt. Evagrius Ponticus hat für jegliche denkbare Situation im geistlichen Kampf dem Mönch ein passendes Wort aus der Heiligen Schrift zur Verfügung gestellt. Bei dieser antirhetischen Methode wird zuerst die Situation der Bedrängnis analysiert und dann ein Wort aus der Schrift gegen den bedrängenden Gedanken gesprochen, damit also eine andere Realität entgegen gesetzt. Im Wort kämpft zugleich Gott selbst an der Seite des Mönches. Dieser Weg dient dem Ziel, die Seele zu heilen und sie zu innerer Freiheit und Ruhe zu führen, damit kontemplatives Beten möglich wird.[vii] Die Worte der Heiligen Schrift dienen zweierlei Zielen: der Bewältigung konkreter Situationen der Bedrängnis und der Umwandlung des Mönches. Wenn die Schriftworte immer wieder gesprochen werden, bewirken sie eine innere Grundhaltung, die die Gegenwart Gottes ständig erfährt.[viii]

Dem gleichen Ziel der Meditatio dienen die Hymnen. Ihre Bildsprache erinnert den Mönch an die Schöpfung, an die Heilsgeschichte, an den Beistand, den er schon erfahren hat und wieder braucht. Das Singen der Hymnen stellt den Augenblick in seinen kosmischen und heilsgeschichtlichen Bezug. Lässt der Beter sich darauf ein, führen sie ihn in seinen gegenwärtigen Augenblick, in sein Sein vor Gott, letztlich zum kontemplativen Gebet. Die antiken Übungen bezogen alle psychagogischen Mittel der Rhetorik in die Meditatio ein. So öffnen der Klang der gesungen Hymnen und die Assoziationen, die die Bilder der Hymnen wecken noch weitere Sinne des betenden Mönches. Die Hymnen gründen in der Bildsprache der Heiligen Schrift und der Regel, aber erweitern sie, beziehen mit den kosmischen Bildern die sichtbare Ästhetik der den Beter umgebenden Welt ein und stellen Bezüge zum monastischen Alltag dar. Die personale Begegnung mit Christus im Wort der Schrift wird aufgegriffen und bildhaft erweitert, etwa im Motiv des Morgensterns, „Tu verus mundi lucifer / Du wahrer Morgenstern der Welt[ix]. Die Hymnen bieten Anknüpfungspunkte für den konkreten Moment des Chorgebetes und Identifikationsangebote für die Rolle des Mönches oder der Nonne. Sie stellen so eine Erweiterung des Textschatzes für die Meditation dar, mit dem Ziel der tiefgreifenden Umwandlung des Mönches zum ständigen Sein in der Gegenwart Gottes.


VIII. Abschließende Gedanken und Bedeutung für uns heute

Im klösterlichen Leben geht es um die Verwandlung des ganzen Menschen, sodass er in der Gegenwart Gottes leben kann. Es verfolgt zunächst keinen Zweck im weltlichen Sinne, sondern ist ganz auf den Lobpreis Gottes und auf das Erwarten der Ankunft Gottes in dieser Welt gerichtet. Dazu dient, das kontemplative Leben der Nonnen und Mönche. Im Lob Gottes will ein freier Raum entstehen, der aus der Stille kommt und wieder in die Stille zurückkehrt, in dem Gottes Gegenwart erfahrbar werden kann.[x]

Dies geschieht nicht an einem luftleeren und schwebenden Ort, der dem Alltag enthoben ist. Menschliches Leben, auch die kontemplative Lebensweise braucht die sichtbare Gestalt. Die Schöpfung und ihr Schöpfer ist die Grundlage allen Lobes durch den Menschen. Die erste Selbstmitteilung Gottes an den Menschen ist die Schöpfung. Auf das Geschenk der Erschaffung allen Lebens gibt die Schöpfung im Hören auf das sprechende Wort Gottes ihre eigene Antwort. Die geschaffene Natur setzt alle Gnade, alle Erlösung voraus. Deshalb folgen in den Hymnen nach der Erwähnung der Schöpfung auch die heilsgeschichtlichen Bezüge.

Auf diesem Hintergrund findet die Schöpfung in so vielen Psalmen und Cantica der Bibel und in den Hymnen ihren genuinen Platz. Dabei sind die Hymnen so etwas wie die modern-aktualisierte Fassung der biblischen Texte, hinein in die jeweilige Zeit der Singenden. Das war zu Zeiten des Ambrosius nicht anders als heute. Dieser Befund kann durchaus als ein Plädoyer des gesungenen Chorgebetes für eine mehr auf die Schöpfung und den Kosmos bezogene Verkündigung verstanden werden. Denn das öffentliche Chorgebet in den Kirchen der Klöster, wurde auch immer als eine Art Predigtkanzel der Mönche und Nonnen verstanden, die jeden Tag das Lob Gottes vollziehen und damit das Wort Gottes verkünden.[xi] Das beweisen die oft gut gefüllten Gebetsräume mit (nicht immer tief geistlichen) Touristen in vielen Klosterkirchen.

Auf ein letztes, derzeit gewichtiges Feld sei hingewiesen: die alten und neuen Hymnen vom Schöpfer und der Schöpfung können nicht gesungen werden, ohne dass sich die Singenden gerade für den umfassenden Schutz der Welt in der wir leben einsetzen. Die alten Ordensregeln legen von sich aus, einen maßvollen Umgang mit der Schöpfung und ihrer Gaben nahe. Wer von der Schöpfung singt kann sie nicht zerstören, sondern wird und muss sie als empfangenes Geschenk vom Schöpfer mit allen Geschöpfen teilen und an die künftigen Generationen weitergeben.

 

[i] Pierre Hadot, Philosophie als Lebensform. Geiste Übungen in der Antike, Berlin 1991, S. 15, 51ff.

[ii] Vgl. ebd., S. 9, 15, 21ff.

[iii] Vgl. ebd., S. 18ff; hier werden Beispiele der Stoiker beschrieben, Hadot geht in der Folge auch auf die anderen Philosophenschulen ein.

[iv] Vgl. ebd., S. 52.

[v] Vgl. ebd., S. 55f., 52ff; vgl auch Evagrius Ponticus, Die große Widerrede. Antirhetikos (Quellen der Spiritualität Band 1), Münsterschwarzach 2010, S. 12ff.

[vi] Vgl. Athanasius, Vita Antonii, hg. u. eingel. v. Adolf Gottfried, übers. v. Heinrich Przybyla, Leipzig 1986, Kap 9., S. 35, Kap. 23, S. 49

[vii] Vgl. Evagrius Ponticus, Antirhetikos, S. 12, 27, 31.

[viii] Vgl. dazu Michaela Puzicha, Lectio Divina, in: Michaela Puzicha, OSB, Der Regel als Lehrmeisterin folgen. Aufsätze und Vorträge zur Benediktusregel (Regulae Benedicti Studia. Traditio et Receptio Band 24), Sankt Ottilien 2013, S. 349-390, S. 382ff.

[ix] Lucis largitor, vor dem 6. Jh., 2. Strophe (wie Fn xii).

[x] Vgl. G. Holzherr, Die Benediktsregel, Einsiedeln 1985, S. 166f.

[xi] Ebd. S. 153, vor allem der Abschnitt 5d.

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