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Der ausgespannt das Sternenzelt (3)

Immer wieder finden sich Bezüge zur Schöpfung und den Schöpfer in den Gebeten, den Psalmen und Gesängen des benediktinischen Chorgebetes. Mirjam Kämpf OSB (Benediktinerinnenabtei St. Hildegard) und Christoph Gerhard OSB haben sich zusammen getan, um diesen Schatz in den lateinschen und deutschen Hymnen zu heben. Der Text ist in der Benediktinischen Zeitschrift Erbe und Auftrag in den Heften 2/20 und 4/20 abgedruckt und wird hier abschnittsweise veröffentlicht.

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III. Aussagen über Sterne

1. Aufgang der Sterne

Im Adventshymnus der Laudes „Hört, eine helle Stimme ruft“ („Vox clara ecce intonat“)[i] wird die Zeile „sidus refulget iam novum“ mit „ein neuer Stern geht strahlend auf“ nicht ganz richtig übersetzt. Dennoch zeigt sich in der Wendung, ähnlich wie an anderen Stellen, in denen vom Aufgang der Sonne oder des Morgensterns gesungen wird, eine einfache und eingängige astronomische Erscheinung: der Aufgang der Gestirne am Himmel, verursacht durch die Drehung der Erde. Dabei sind es verschiedene grundlegende Erfahrungen, die das astronomische Geschehen für ein lyrisches Bild sprechen lassen.

Der Aufgang von Gestirnen ist etwas ganz Natürliches und übt doch eine Faszination auf uns aus. Wenn nach langer Nacht der Aufgang der Sonne, des Mondes, des hellen Morgensterns oder eines hellen Sternes zu sehen ist, dann hat dies eine erhabene Qualität. Es läuft ohne unser Zutun ab. Niemand kann es beschleunigen oder auch verzögern, um den Moment länger zu genießen. Es geschieht sicher nach und nach, wie es die astronomischen Berechnungen erwarten lassen. Zunächst ist es vielleicht weniger klar, im Morgendunst, durch die tiefen und dicken Schichten der Atmosphäre hindurch zu erkennen, aber ein Gestirn im Aufgang wird immer deutlicher und besser am Himmel zu beobachten sein. Es ist ein unaufhaltsamer, irreversibler Vorgang, der sich in eine Richtung vollzieht, da der Himmel und die Gestirne von Osten nach Westen ziehen. All das ist Bild dafür, wie Christus erscheint, aufleuchtet, unaufhaltsam mit ihm das Heil und die Erlösung für den Menschen kommt.

2. Tor der Sonnenbahn

Der Laudeshymnus der Weihnachtszeit singt „Vom hellen Tor der Sonnenbahn“ – „A solis ortus cardine“[ii]. Die Bedeutung dieses Bildes kann in zweifacher Weise aufgelöst werden. Zunächst sind sicher Anklänge an den Tageslauf der Sonne intendiert. Sie beginnt am Morgen im Osten, ausgehend von ihrem Tor den Tageslauf.[iii] Das „helle Tor der Sonnenbahn“ ist damit der Sonnenaufgang, der die Himmelsrichtung Osten bezeichnet. Wenn weiter gesungen wird „bis zu der Erde fernstem Rand“ – „adusque terrae limitem“, ist sicher Westen gemeint, wo die Sonne wieder untergeht. Damit bekommen die ersten Zeilen des Hymnus eine mehr geographische, weltumspannende Bedeutung.[iv] Mit der ersten Strophe wird die ganze Erde zum Lob an Christus aufgefordert: „Christum canamus principem, natum Maria virgine“ – „erschalle Christus unser Lob, dem König, den die Magd gebar.“

3. Himmelspol

Der Himmelspol ist in den lateinischen Hymnen „Deus, qui caeli lumen es“[v] und „Æterne rerum conditor“[vi] enthalten. In der ersten Strophe des Gesanges „Deus, qui caeli lumen es“ folgt: „satórque lucis qui polum patérno fultum bráchio praeclara pandis dextera.“ Der Urheber des Lichtes hält den Himmelspol als Stütze für den Sternenhimmel mit seinem leuchtenden rechten Arm. Astronomisch betrachtet steht hinter diesem Bild der Sternenhimmel, der sich scheinbar um den Himmelspol dreht. Die Sterne haben ihn als Stütze, damit sie ihren Tageslauf auf ihren, im antiken Weltbild gedachten Sphären, vollenden können. Damit ist die zunächst recht frei erscheinende Übersetzung ins Deutsche recht nahe am astronomischen Hintergrund des Originals: „Du Licht des Himmels, großer Gott, der ausgespannt das Sternenzelt und der es hält mit starker Hand“.

Das Sternenzelt ist für uns Menschen scheinbar aufgespannt um den Himmelsnordpol, um den alles sich dreht. Gott ist es, der dieses Zelt aufgespannt hat und es auch mit seiner starken Hand hält. Am Beginn des Hymnus wird der Beter wie in einem Planetarium unter den sich bewegenden Sternenhimmel gestellt, der von Gott geschaffen wurde und der ihn in seiner Ordnung und am Leben erhält. So erinnern die wenigen Zeilen des Hymnus daran, dass Liturgie nicht nur im Gebetsraum, in einem Kirchenraum geschieht, sondern dass sie auch immer kosmische Bedeutung hat.

4. Sterne als Wegweiser

Die Funktion der Sterne ist in den Hymnen eine doppelte. Sie finden sich schon in der der Bibel: sie stehen bereit zum Gotteslob und können darüber hinaus als Wegweiser Gottes für die Menschen dienen. In einem Vigil-Hymnus des Advent[vii] findet sich die Zeile „schon jauchzt jeder Stern“[viii], die an Psalm 148,3 erinnert: „lobt ihn, Sonne und Mond, / lobt ihn, all ihr leuchtenden Sterne“. Das Gotteslob ist den Sternen vom Anfang der Schöpfung bestimmt. Wie alle anderen Geschöpfe sind sie zum Lob des Schöpfers geschaffen. Darüber hinaus dienen die Lichter am Himmel dem Menschen zur Bestimmung von Festzeiten und sind damit praktische Hinweisgeber für die zeitliche Orientierung des Menschen.[ix]

Astrologie ist der Bibel nicht nur fremd, sondern sie wird in zahlreichen Büchern[x] abgelehnt und bekämpft, bis hinein in die Apostelgeschichte in der Rede des Stephanus[xi]. Um so erstaunlicher ist es von diesem Blick her, dass die Weisen aus dem Osten den Weg in das Evangelium des Matthäus fanden. Ihre heidnische (Natur-) Wissenschaft der Sterndeutung führte sie über Jerusalem nach Bethlehem zum König der Juden an die Krippe: zu Jesus, Maria und Josef. Sterne sind also hier Wegweiser Gottes zu dem neugeborenen König der Juden.[xii]

In den Hymnen zum Epiphaniefest wird dies auf verschiedene Weise reflektiert. Im Vigil-Hymnus des Festes verkündet er in der ersten Strophe die Geburt des Messias:

„Seht, am Himmel erglänzt
leuchtend ein neuer Stern,
kündet: Christus, der Herr,
wurde als Mensch geborn…“

In der nachfolgenden Strophe wird er für die Weisen zum Wegweiser: „Weise folgen dem Stern, finden das kleine Kind“.[xiii] In einer ähnlichen Weise ist es auch im Laudeshymnus ausgedrückt: „Die Weisen schauen auf zum Stern … sie finden durch das Licht zum Licht“.[xiv]

In der Vesper des Festes findet sich im Benediktinischen Antiphonale „Ihr alle, die ihr Christus sucht“ [xv] der dem lateinischen Hymnus „Qvicumque Christum quæritis“[xvi] entspricht. In der zweiten Strophe wird das Zeichen der ewigen Herrlichkeit besungen:

Ein Stern, der selbst den Sonnenball
an Pracht und Feuer überstrahlt,
verkündet heute aller Welt,
dass Gott im Fleisch erschienen ist.

Hæc stella, quæ solis rotam
Vincit decore ac lumine,
Venisse terris nuntiat
Cum carne terrestri Deum.

Erzählend lässt der Hymnus die Weisen fragen:

„Wer ist es“, fragen sie bestürzt,
„dem Licht und Sterne dienstbar sind,
dem sich der Himmel unterwirft,
der über die Gestirne herrscht?“

Quis iste tantus, inquiunt,
Regnator astris imperans,
Quem sic tremunt cælestia,
Cui lux et æthra inserviunt?

Sterne stehen im Dienste Gottes und lassen die Weisen den Weg zu dem finden, der über die Gestirne herrscht. Der Himmel und die Sterne sind im untertan. Dieser Umstand kann in Richtung des Menschen verlängert werden: Gott lässt ihn anhand der Sterne die Zeiten und ihren Lauf erkennen. Wichtige Ereignisse werden durch Ereignisse am Himmel kundgetan, allerdings nicht in astrologischen Zusammenhängen, sondern weil Gott der Schöpfer der Sterne ist.

 

[i] Spätestens ab dem 10. Jh, Autor unbekannt.

[ii] A solis ortus cardine, Caelius Sedulius (5. Jh)

[iii] Vgl. Ps 113,3: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang * wird gelobt der Name des HERRN.“ BA III, S. 229.

[iv] Alex Stock (Hrsg.), Lateinische Hymnen, S.72f.

[v] Der Hymnus stammt aus dem 6. / 7. Jhd, der Autor ist unbekannt.

[vi] Ein Morgenhymnus des Ambrosius, um 387. Vgl. Alex Stock (Hrsg.), Lateinische Hymnen, S. 315ff. Allerdings wird „polum“ von ihm nicht als Himmelspol sondern allgemein als „Himmel“ übersetzt. Im BA I findet sich die Umschreibung „schwarze Finsternis“. Auf der Seite hymnarium.de steht dafür „Himmelsgewölbe“.

[vii] Benediktinisches Antiphonale I, „Erwartet den Herrn“ von Silja Walter.

[viii] Ebd.

[ix] Gen 1,14f.

[x] ZB.: 2 Chr 33,3ff und Abschaffung der Opfer für Sonne, Mond und Sterne, des Tierkreises in 2 Kön 23,5.

[xi] Vgl. im besonderen Apg 7,42-43.

[xii] Vgl. Mt 2,1-12.

[xiii] BA I, Hymnus Epiphanie-Vigil. Verfasser unbekannt.

[xiv] BA I, Hymnus Epiphanie-Laudes

[xv] BA III, Hymnus Epiphanie Vesper.

[xvi] Prudentius, 5. Jhd.

 

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